Wir müssen unseren Teil der Verantwortung für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt, aus der öffentlichen Hand in die eigenen Hände zurücknehmen.    "Erich Kästner"

Von der Idee über die Umsetzung bis zur Vollendung

 

Der Rahmen für das Projekt „Nachbarschaftsladen Altenhasungen“

Den Rahmen für die Idee der Bürger, wieder einen Laden in das Dorf zu bekommen – bot im Fall Altenhasungen das Dorferneuerungsprogramm in Hessen.

Denn in der Dorferneuerungsplanung – sie begann hier 1983 – fanden die Dorfbewohner, unterstützt von den städtischen Gremien, gemeinsam eine tragfähige Lösung, in ihrem Dorf wieder einen Lebensmittelladen einzurichten.

Das Dorf war immer ein Wohn- und Arbeitsort, gekennzeichnet durch einen hohen Anteil der Selbstversorgung seiner Bewohner. Landwirtschaft und Handwerk bestimmten seine Arbeitswelt. Das Dorf war wegen der Unerreichbarkeit der Stadt auf sich allein gestellt. Ganz selbstverständlich resultierte daraus ein hohes Maß an Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeitsgefühl der Dorfbewohner.

In der Industrialisierung geriet das Dorf durch die Verlagerung der Arbeitsplätze in die Stadt immer stärker in ihre Abhängigkeit. Die Strukturen dörflicher Eigenständigkeit wurden zugunsten vielfältiger Abhängigkeiten von der Stadt aufgelöst.

Auch die Dorfläden, in denen die Dorfbewohner zunächst alle Angebote für den täglichen Bedarf fanden, verloren ihre Kundschaft an die Stadt.

Gegenwärtig hat der Verdrängungsprozess durch große zentralisierte Einkaufsmärkte die Existenzgrundlage der Dorfläden weitgehend vernichtet. Sie verschwinden aus den Dorfern.

Dies ist nicht nur der Verlust einer Versorgungseinrichtung im Dorf, sondern bedeutet auch einen Verlust von Tradition und Dorfkultur.

Das Dorferneuerungsprogramm des Landes Hessen will über die Erhaltung der Bauten im Dorf hinaus gerade gemeinschaftliche Anstrengungen zur Erhaltung und Stärkung des Dorflebens und seiner Kultur fördern. Es unterstützt zu Beginn der Dorferneuerungsplanung die Suche nach dorfeigenen Entwicklungsmöglichkeiten – nach der „Dorfphilosophie“.

In der Planung werden dann Möglichkeiten gesucht, Dorfgemeinschaft und Dorfkultur in konkreten Vorhaben zu entwickeln. Dabei geht es nicht so sehr um künstlerische kulturelle Anstrengungen, sondern eher um die einfache Sicherung jener Beziehungen des täglichen Dorflebens, die über den einzelnen und seiner Familie hinausgehen. Die Möglichkeit, im Dorf einzukaufen, spielt dabei eine so wichtige Rolle, dass ihrer Förderung ein eigener Programmpunkt gewidmet ist, in dem auch „… bauliche Einrichtungen für die Versorgung mit Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs in den Dörfern gefördert werden.“

Selbstverständlich ist damit nur ein, wenn auch wichtiger Baustein aus einem Programm beschrieben, dessen umfassende Aufgabe eine Vielzahl von Maßnahmen erfordert. So wird hier für ein kompliziertes Teilziel der Dorfentwicklung ein Weg beschrieben, wie das Dorf wieder zu einer ganz einfachen Sache, seinem Laden, kommen kann. Sie soll auch Anregung und Ermutigung für andere Dörfer sein, einfallsreich und gemeinschaftlich Lebensqualitäten für das Dorf zurückgewinnen.

jj

Das Problem

Wem in Altenhasungen „das Slaz beim Kochen ausging“, war aufgeschmissen. Sie/er musste entweder fünf Kilometer zur Stadt Wolfhagen oder Zwei Kilometer zum Nachbarort auf der Landstraße zurücklegen, Sommer wie Winter – ohne gesicherten Radweg -, also am besten mit dem PKW, so einer zur Verfügung stand. Es gibt zwar einen kleinen Bahnhof, ganz am Ortsrand von Altenhasungen gelegen, doch der ist umständlich zu erreichen. Zudem liegen die sechs Zugverbindungen täglich überwiegend in den Berufsverkehrszeiten. Da wird das Einkaufen in der nächsten Stadt gleich zu einem ungewollten Tagesausflug.

Als der kleine „Tante-Erna-Laden“ 1980 aus Altersgründen von den Inhabern geschlossen worden war, gab es für die ca. 730 Einwohner in Altenhasungen nur noch die Möglichkeit, an mobilen Läden einzukaufen, die mit notwendigerweise begrenztem Warenangebot zwei- bis dreimal wöchentlich das Dorf versorgten. Eine typische Situation für Dörfer, die so klein sind, dass sich in ungeschütztem Wettbewerb Einzelhandelsgeschäfte nicht mehr halten können.

Das Problem ist vielsichtig. Besonders betroffen sind weniger mobile Dorfbewohner, ältere Bürger, Frauen mit kleineren Kindern und Jugendliche: also diejenigen, die sich die meiste Zeit im Dorf aufhalten.

Ein Dorf ohne Laden, das bedeutet:

  1. Alle Bewohner im Dorf sind zur Erledigung ihrer Einkäufe auf eine PKW angewiesen, dies ist auch ein Umweltproblem.
  2. Für viele Dorfbewohner entsteht eine verstärkte Abhängigkeit von fremder Hilfe und unzureichenden Verkehrsbedingungen, wenn sie selbst nicht mehr ein Auto fahren: das bedeutet schlechthin eingeschränkte Lebensqualität.
  3. Das Einkaufen ist mit einem erheblichen Zeit- und Organisationsaufwand verbunden.
  4. Spontane Einkäufe sind ausgeschlossen.
  5. Arbeitsplatzverlust im Dorf und …
  6. Das Dorf ist um einen Treffpunkt ärmer.

Die Versorgung mit dem „Täglichen“ in erreichbarer Nähe ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich in seinem Wohnort wohl und heimisch zu fühlen und im wahrsten Sinne des Wortes versorgt zu sein.

Die Initiative

Die Initiative, wieder einen Lebensmittelladen einzurichten, wurde zunächst von der Stadt Wolfhagen ergriffen und fortgesetzt. Die Dorfbewohner beharrten darauf, die Versorgung im Dorf zu verbessern und fanden die Unterstützung des engagierten Bürgermeisters aus Wolfhagen.

Ein Pilotprojekt konnte im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms begonnen werden und führt, verbunden mit einer Förderungsquote von 70 % durch das Hessische Ministerium für Landwirtschaft und Forsten, zum Erfolg. Bauherr wurde mit einer verbleibenden Eigenbeteiligung von 30 % die Stadt Wolfhagen.

Die Planung des Wohn- und Geschäftshauses, in dem auch ein Jugendraum untergebracht werden sollte, verlief nicht ohne längeres Ringen zwischen den Planungsbeteiligten, Architekten, Bürgern, städtischen Gremien und der Landesverwaltung. Denn das große Bauvolumen musste mit der Auflage, den Neubau in das Ortsbild einzupassen, unter einen Hut gebracht werden. Die gemeinsamen Anstrengungen hatten Erfolg! Endlich wurde gebaut und im November 1988 konnte das Richtfest gefeiert werden.

Doch während die beiden Wohnungen im Obergeschoss schnell vermietet waren, konnte kein Betreiber für den neuen Laden gefunden werden. Die angefragten, großen Handelsketten winkten ab und auf eine öffentliche Ausschreibung meldete sich kein Interessent.

Das Vorhaben schien zum Scheitern verurteilt, da kein Betreibermodell gefunden wurde, das geeignet war, mit dem wirtschaftlichen Risiko fertig zu werden.

 

Häufig helfen auch Zufälle Probleme zu lösen. Im Dezember 1988 nahm der Bürgermeister von Wolfhagen an einer Geburtstagsfeier eines Vereinsvorsitzenden teil. Natürlich wurde auch über den nunmehr fertiggestellten Lebensmittelladen in Altenhasungen gesprochen. Ein Geburtstagsgast hatte das gleiche Problem bereits vor einem Jahrzehnt im benachbarten Landkreis Waldeck/Frankenberg in Bergfreiheit gelöst. Bereitwillig gab er Auskünfte über die damals gegründete Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) mit Bürgern dieses Ortes.

Im Februar 1989 besuchten  23 interessierte Altenhasunger das Bergfreiheiter Lebensmittelgeschäft und informierten sich über dieses Modell.

Eine erste Information über das Bergfreiheiter Modell erfolgte am 07.03.1989 in Altenhasungen. Damals informierten sich über 120 Altenhasunger über die Möglichkeit eines selbstbetriebenen Nachbarschaftsladens. Die Resonanz war so positiv, dass man sich am 30.03.1989 zu der Gründungsversammlung einer GbR traf. Mehr als 80 Bürger waren zur Gründung gekommen, davon erklärten sich 69 Bürger spontan bereit, Gesellschafter zu werden. Nach kurzer Zeit konnten aufgrund der Aktivitäten der fünf Geschäftsführer bereits 120 Gesellschafter verzeichnet werden.

Außerdem kümmerten sich die Geschäftsführer um die Einrichtung des Ladens und nahmen Kontakte zu möglichen Lieferanten auf. Alles lief auf Hochtouren, damit der Lebensmittelladen rechtzeitig zur Einweihung des Wohn- und Geschäftshauses eröffnet werden konnte.

Er wurde schließlich am 07. Juli 1989 um 11.00 Uhr mit einer sehr schönen Feier eröffnet.

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